Am Bahnhof erwartet uns Misha, der Hardcore-Naturbursche aus Russland (er spricht kein Wort kasachisch!). Er wohnt in einem kleinen Haeusschen mit Frau und einem Stall voller Kinder. Platz fuer Gaeste hat er immer, fragt uns nicht, wo der Rest der Familie schlaeft, aber was nicht passt, wird passend gemacht. Leider kocht seine Frau saumaessig gut und Misha entpuppt sich als schlimmerer Gastgeber wie Mama Rajesh aus Indien. Das Mastprogramm kennt keine Grenzen, und er meint nur immer, wir braeuchten Energie fuer die Berge! Ich frag mich da nur wie ich den Rucksackgurt noch zuschnallen kann bei so grossen Magenwaenden, aber wohl ist es besser, das Gewicht ueber dem eigenen Sixpack zu tragen als hinten auf dem Ruecken!
Trainingseinheiten zum Ueberleben in der Wildniss gibt’s gratis dazu. Nachmittags holt uns sein Freund, Amalbek, der Klischee-Ex-Sowjet-KGB-Agent im Tarnanzug mit Schnaeuzer und Goldzahn mit seiner Lada Niva 4x4 Kiste ab und wir erklimmen die Berge bei Allrad. Fischerrute, Koeder, Scharfschuetzengewehr und doppellaeufige Flinte im Kofferraum.
Wildlife-Mac Guyver- Misha holt innert 10 Minuten, 10 Fische heraus. Goldzahn 5, Naturtorte 2, davon wird gottlob einer wieder frei gelassen, und bei Haerri stellt sich heraus, dass er in der Natur nicht ueberleben wuerde. Die armen Tierchen werden einfach aufs Gras geworfen und sich selbst bei ihrem letzten Atemzug ueberlassen. Den Russen glaenzen die Augen. Ich bete noch heute fuer die Fischchen, und der Haerri ist ganz verzweifelt und kaempft mit der Rute in den Aesten!
Uns wird es schon uebel, wenn die Koederwuermchen aufgespiesst werden und nach der Live-Show im Fische ausnehmen, kommt uns der Vodka des Rangers gerade recht. Runterspuelen und verdraengen, wollen ja keine Alptraeume riskieren, und leider kann ich die Fische auch nicht mehr retten und sie verstecken! Jetzt haben wir dafuer einen neuen Trinkerfreund in der Pampa bei dem wir uns immer innerlich aufwaermen duerfen.
Tag darauf steht Pilze sammeln mit dem Lada und Goldzahn-Agent auf dem Programm. Was Misha alles so findet, finden Touris nie, dafuer regnet es in Stroemen und die Lehmfahrrinnen sind schmierig wie Seife. Unsere Sowjet-KGB-Machine zeigt was in ihm steckt und faehrt mit seinen 63 Jahren wie ein junger Hengst auf Brautschau quer ueber die Matten, je steiler, umso besser. Baeche, die zu reissenden Fluessen werden, sind fuer ihn kein Hindernis! Jetzt sind wir auch an dem Punkt angelangt, wo Haerri sich neu verliebte. Lada Niva 4x4, weiss. Er will jetzt auch so einen.
Gut genaehrt und trainiert stiefelten wir tags darauf mit Misha bei Nebel und Feuchte in die Haenge. Fressen fuer eine Woche am Ruecken, ueber den Pass, 900 m rauf und wieder hinunter. Misha meinte, es waeren nur 15 Km, es waren bestimmt 16, und meine Knochen brachen unter dem Gewicht schon nach den ersten 200m. Unser Fischerkoenig rannte wie eine junge Antilope mindesten 50 m voraus, je weiter wir in die unberuehrte Natur vordrangen, je schneller war er. Und es gab da ja auch keinen Weg. Jetzt weiss ich auch, warum er fragte, ob unsere Schuhe wasserdicht seien. Streckenweise hat es nur diese Schlucht (Chickengate) und den reissenden Bach und die Baeume und die Aeste. Vorbei an Skeletten vom Baer und dem Roessel. Wo fuehrt er uns hin? In die Pampa, der will uns toeten und ausnehmen und verscharren und niemand wird uns je wieder finden!
Das Wetter wird auch immer schlimmer und der Weg immer laenger, gut haben wir so viel Energie im Ranzen, dass wir das alles schaffen. Zerkratzt, blind und nass bis auf die Unterhosen schleppen wir uns nach 5 Stunden ueber den letzten Baumstamm, der quer ueber das kleine reissende Fluesschen liegt und uns zum wunderschoensten Platz der Welt bringt. (Das sahen wir dann erst tags darauf) Bevor es richtig zu seichen anfing, noch schnell das super geile, mintgruene, waterproof Zelt aufschlagen, Tee kochen, Guetzli fressen und der Hardcore-Russe, so richtig in Fahrt gekommen, rauscht wieder ab nach Hause! Aber Hallo…was wir in 5 Stunden machen, macht die Gazelle in 2.40 Stunden und das zweimal! Schon klar, der wurde ja auch schon lange mit Energie angefuettert!
Er laesst uns da sitzen mit dem lieb gemeinten Rat: when it snow, don’t move! Oehmmm, was heisst denn das jetzt? Dann schreit er noch zurueck: Wenn ihr den Baeren seht, macht ein Foto fuer mich! Hilfe zu Hilfe…lass mich hier raus! Oh, wie grausam werden wir verenden, sehen schon die Blick-Schlagzeilen: Schweizer im Schneegestoeber beim Kampf mit einem Baeren ums Leben gekommen! Was fuer eine tragische Geschichte!
6 Tage hocken wir im Busch. Kein Schnee, dafuer Hagel und heftigsten Regen (und das Zelt haelt), kein Baer dafuer Giftschlange und Foto. Gut hatten wir so viel Futter dabei, beim dritten Versuch erfolglos ein Fischlein zu fangen, gaben wir auf und freuten uns ueber die rein pflanzliche Kost. Touris brachten sogar Rhabarber-Gonfi zustande, die sogar geniessbar war! Ich staune immer noch ueber mein neu erworbenes Flair zu kochen (auf dem Holzfeuer bei kleiner Hitze eine Stunde koecheln!). Zuhause werde ich mir gleich in der Kueche eine Feuerstelle einrichten, wahre Koenner und Kochprofis machen das so!
Der Rueckweg bei schoenstem Sonnenschein in 4 Stunden 32 Min (neuer Rekord fuer Touris). Voll geile Natur, haben noch nie sowas schoenes und meisterhaftes gesehen. Wahnsinn, was Muttererde alles drauf hat! Wilde Kirschen und Apfelbaeume, die bluehen, Baeche durch Wiesen und Tulpenfelder, halbwilde Pferdeherden, die fetten, um im naechsten Fruehling auf den Grill geschmissen zu werden, Voegel und Bienen, die in den leuchtenden Bueschen summen und gurren… wunderbar! Ach, wieso gehen wir schon zurueck…? Ah, der Schnee und der Baer, die kommen koennten!
Bei Misha ging die Voellerei dann weiter, wegen der verlorenen Energie, meint er. Klaus und Rosmarie, die hartgesottenen und eingefleischten deutschen Reisefuedlis, die mit 77 Jahren noch voll im Saft sind und jeden Scheiss mitmachen, leisteten uns fuer die folgenden zwei Tage Gesellschaft! „Einstein“-Opa gewann in der Liegendposition das Luftgewehrduell und Lada-Sowjet-Amalbek lud uns zur naechtlicher Cognac-Party ein, bei der er uns zwang Kuchen, Doerrfruechte und Pferdefleisch in uns reinzustopfen, bis wir alle platzten. Es war ja nach dem Nachtessen in Mishas Home und die Essmassen schon wieder die Speiseroehre hinauf drueckten. (Die Kasachen essen den ganzen Tag, und am liebsten Fleisch in rauen Mengen, ablehnen geht nicht, die schoepfen extra nach, und Vegetarier aus religioesen Gruenden ignorieren sie) Jaja, es haette uebel geendet, haetten wir vom Agenten den Lada gekriegt, aber er braucht ihn fuers Fischen, dafuer haben wir auf die Kiste gesoffen und Trinkgebete in den Hinterhof geplaerrt!
Auf dem Autobazar fand Haerri seine grosse Liebe leider auch nicht, dabei standen da Millionen von Wracks, die auf ein laengeres Leben hoffen. Er versucht es in Almaty wieder!
Donnerstag, 22. April 2010
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